Le Marche – warum die Marken Italiens gehütetes Geheimnis sind

Wir sind zum zweiten Mal hier. In den Marken, Le Marche, in einem Geheimnis. Das ist kein Zufall, sondern eine Entscheidung. Denn es gibt Regionen, die man einmal besucht und nie ganz verlässt – zumindest nicht im Kopf. Die Marken sind so eine Region. Still, stolz, vielfältig bis zur Unerschöpflichkeit. Und kaum jemand kennt sie wirklich.

In diesem Beitrag nehmen wir dich mit zu unseren Lieblingsorten – ob Stadt, Strecken oder Natur, aber auch zu den in die Region, bei dem das Erdbeben vieles zerstört hat und nicht nur heile Welt ist.

In diesem Beitrag nehmen wir dich mit in die Städte Urbino & Fano, zu den Naturwundern Gola di Furlo und den Höhlen von Frasassi, weiter über Panoramastraßen in die Bergwelt des Nationalparks Monti Sibilli, welche das Erdbeben gewütet hat.
Bevor wir den Heimweg mit dir antreten, werfen wir noch einen Blick auf Offida und einem der schönsten Plätze Italiens in Ascoli Piceno um dann an der Küste entlang nach San Marino unsere Reise durch die Marken abzuschließen.

Die komplette Rundreise und unsere Highlights haben wir eigene Artikel gewidmet:

➡️Italien Rundreise – 10 Tage le Marche
➡️Unsere Highlights in den Marken

Fano – Was muss Augustus gespürt haben?

Die Frage stellen wir uns, als wir vor dem Augustusbogen stehen. Dieser dreifache Triumphbogen aus dem Jahr 9 nach Christus, errichtet zu Ehren des ersten römischen Kaisers, war einst das Haupttor von Fanum Fortunae – der Stadt des Glückstempels – und markierte den Endpunkt der Via Flaminia, der grossen Römerstrasse von Rom bis zur Adria. Augustus liess hier eine Veteranenkolonie gründen, liess Mauern bauen, eine ganze Stadt formen. Und dann blieb er. Und wir können es verstehen. Das Meer, die Hügel im Hinterland, die Weine der Marken. Was hätte man anderes tun können, als zu bleiben?
➡️ Fano, die Küstenstadt in der Marken die dich überrascht

Augustusbogen in der Altstadt von Fano, Sehenswürdigkeiten und Highlights Marken

Die Gola del Furlo – kein Wunder, dass er eine Strasse baute

Auf dem Weg nach Urbino wollen wir die römischen Wege gehen, so wie sie einmal waren. Die Gola del Furlo Diese Schlucht, durch die der Fluss Candigliano zwischen den Felswänden des Monte Pietralata und des Monte Paganuccio presst, auf 212 Meter Meereshöhe eingraviert in den Kalkstein, seit 2001 staatlich geschützt und touristisch als ‚Grand Canyon Italiens‘ beworben. Der Name kommt vom lateinischen Forulum, kleines Loch, nach dem Tunnel, den Kaiser Vespasian 76 nach Christus in den Fels meisseln liess – 38 Meter lang, fast sechs Meter hoch, von Hand geschlagen, von Hunderten Sklaven gebrochen.

Gola del Furla - ein Naturwunder in den Marken, Italien

Das grüne Wasser des Candigliano leuchtet unter den hellgrauen Felswänden. Man fährt entlang, schaut hinauf, schaut hinunter, und versteht in diesem Moment, warum die Römer hier eine Strasse gebaut haben. Die Natur hat den Weg vorgegeben. Man musste ihn nur noch zu Ende gehen. Eine Erinnerung, die bleibt.

Urbino – warum kennt diese Stadt nicht jeder?

Urbino beeindruckt schon bei der Anfahrt. Wir kommen von Urbania, das schon beindruckend war, aber dann Urbino. Dieser Anblick. Der Palazzo Ducale, davor das Teatro Sanzio, dahinter der Dom. Die Silhouette der Stadt gegen den Himmel, majestätisch ohne Anstrengung, selbstverständlich wie ein Atemzug.

Der Palazzo Ducale – das Herzstück von Urbino – wurde im 15. Jahrhundert von Federico da Montefeltro erbaut und war einst eines der glänzendsten Höfe der Renaissance, ein Zentrum der Kunst, der Wissenschaft, der Macht. Raffael wurde hier geboren. Die Universitaet gehört zu den ältesten der Welt, 1506 von Papst Julius II. bestätigt. Und doch kennen so wenige diesen Ort. Wir geniessen es, in der Altstadt wohnen zu können.

Palazzo Ducale Urbino

Der Weg zum Hotel allein hat sich gelohnt. Mit dem Auto den Hügel hinauf, an der Kurve langsam am Palazzo vorbei, auf der anderen Seite eine Aussicht auf die Hügellandschaft der Marken, endlos und golden. Oben angekommen finden wir einen großen Platz vor, ein paar Palazzi, das Geburtshaus Raffaels, den Dom und eine Kirche. Neben dieser wohnen wir. Neben – obwohl wir das Gefühl haben, in ihr zu schlafen.

Urbino ist alt und doch so jung. Zwischen den mittelalterlichen Häusern tummeln sich die Studenten, spielen Kicker, essen Gelato, lachen. Wir stehen mittendrin und verzerren den Altersdurchschnitt spürbar. Am Abend wird es ruhiger, angenehmer, das Lachen leiser, aber immer noch da. Wir schlafen im Kloster neben der Kirche ein, mit Vorfreude auf das, was noch kommt.

Die Grotte di Frasassi – in der Tiefe einer anderen Welt

Im Juni ist es schon warm. Wir ziehen uns in die Grotten von Frasissi zurück. Vierzehn Grad. Ganzjährig, unveränderlich. Von aussen wirkt der Eingang unscheinbar, fast beiläufig, obwohl die Anfahrt durch die Schlucht der Gola della Rossa schon spekulieren lässt. Drinnen dann eine Weite, eine Höhe, die man nicht fasst. Im Abisso Ancona, dem ersten grossen Saal – 180 Meter lang, 120 Meter breit, 200 Meter hoch – würde der Mailänder Dom Platz finden. Mit Turm.

Die Formationen sind anmutig. Stalaktiten und Stalagmiten, von denen einige mehrere Meter hoch und Tonnen schwer sind, wirken dennoch zart, fast schwerelos. 1971 wurden die Grotten von einer Gruppe Höhlenforscher des CAI Ancona entdeckt, als sie einem kräftigen Wind in die Tiefe folgten. Heute erstreckt sich das bekannte System über 30 Kilometer Gänge und Hohlräume. Wir sehen davon eineinhalb Kilometer.

Grotten von Frassisi, Marken

Und dann – da hinten glietzert es. Wasser? Tatsächlich. Ein unterirdischer See, ein Fluss, ruhig und schwarz. Noch haben wir keine Ahnung wie weit er reicht.
Wir müssen langsam die Höhle verlassen – nein, nicht die Höhle, sondern einen winzigen Teil des Höhlensystems, dessen wahre Grösse wir nicht fassen können. Das Licht kehrt zurück, die Wärme auch, aber das Staunen bleibt.

Die Strassen der Marken – und wohin uns unser Auto bringt

Nach Adria, Altstädten und Schlucht begeben wir uns weiter in die Natur. Wir lassen uns treiben. Durch alte Städte, vorbei an Seen, die Strasse windet sich die Hügel hinab, immer weiter Richtung Süden. Durch Orte, die man nicht auf Anhieb findet, weil man nicht weiss, dass man sie suchen sollte. Eine davon zieht uns an: die Stadt, wo die drei Uhren am Kirchturm stehengeblieben zu sein scheinen. Ein Ort, der uns erst verzaubert und dann traurig macht.

Panoramastraße in en Marken zwischen Pesaro und Rimini

Das Erdbeben und die Menschen, die weitermachen

Wir sind nahe den Monti Sibillini, und hier, in dieser wunderbaren Landschaft, hinterlässt das Erdbeben vom August 2016 noch immer sichtbare Narben. Die Beben – am 24. August, am 26. Oktober und am 30. Oktober jenes Jahres, mit Stärken bis zu 6,5 – haben über 70 Gemeinden im Grenzgebiet von Marken, Umbrien und Latium erschüttert. Hunderte von Toten. Tausende obdachlos. In Visso ist die Altstadt bis heute grösstenteils gesperrt. In Arquata del Tronto wurde ein Ortsteil fast vollständig zerstört.

Je näher wir den Monti Sibillini kommen, desto mehr unbewohnte Häuser sehen wir. Abgestützte Fassaden, orangene Bauzäune, Stille wo einmal Leben war. Selbst eine der ältesten Universitäten der Region musste darunter leiden.
In Visso blieb uns die Sprache weg, der alte Ortskern existiert kaum noch. Und doch – die Menschen machen weiter. Lachen trotzdem. Schauen nach vorne. Kein Gejammer, lieber einen Aperitif. Wir sind dabei. Mit einem Kloß in der Kehle, aber dabei.

Und wir sind froh, hier zu sein. Nicht aus Schaulust, sondern weil diese Region unterstützt werden sollte, mehr als so manch andere, wo Tourist an Tourist drängt.

Die Hochebene der Monti Sibillini & grünes Leuchten

Die Fahrt über die Hochebene der Monti Sibillini ist eine Augenweide. Grün, so weit das Auge reicht. Wir hatten gehofft, dass die Hochebene ein Blumenmeer ist, wie sie es um diese Zeit manchmal sein kann – Mohn, tausend Farben. Wir sehen nur Grün. Aber dieses Grün leuchtet in allen Facetten, in Tönen von Smaragd und Jade und Frühlingswiese, und am Ende ist das mehr als genug.

Das kleine Städtchen Montemonaco hat uns zum Übernachten eingeladen. Berge ringsum, ein kleiner Laden, aus dem einem ein Wildschweinkopf an der Wand und lokale Köstlichkeiten entgegenlachen. Getrocknete Steinpilze. Eins, zwei, drei – meins. Man muss sich einschränken.

die Hochebene Monti Sibilli in den Marken, besucht während unserer Italien Rundreise

Amandola am Abend bedrückt uns noch einmal kurz. Die Altstadt besteht fast nur aus gestützten Häusern, Metallträger halten die Fassaden, wo einmal Leben war. Dafür ist am Rand der Altstadt das Leben selbst: In den Arkaden der Bar treffen sich die Menschen, lachen, trinken. Wir verweilen, bevor es zurück nach Montemonaco geht. Dort erwartet uns ein leckeres, deftiges Abendessen, typisch für die Bergwelt dieser Region. Am nächsten Morgen weckt uns ein traumhafter Sonnenaufgang. Zeit zum Aufbrechen.

Ascoli Piceno und Offida: Zwei Städte, ein Gefühl

Ascoli Piceno ist einer der schönsten Marktplätze Italiens – die Piazza del Popolo, ein Juwel aus weissem Travertin, gesäumt von Loggien und Palazzi. Und ausgerechnet heute ist Markt. Wir lieben italienische Märkte. Nur wohin mit dem Auto? Das Glück hält uns auf Abstand. Schade.

Offida entschädigt. Eines der schönsten Städtchen unserer Reise. In der Kirche werden wir gelotst – der alte Mann am Eingang wollte unbedingt, dass wir hinuntergehen. Warum, wissen wir zuerst nicht. Was erwartet und unten? Eine nachgebildete Grotte und Fels geschlagen und eine Weihnachtskrippe, ungewöhnlich, etwas skurril und bewegend zugleich. Der alte Mann wusste genau, was er tat. Es war wieder eines dieser besonderen Erlebnisse auf Reisen die man nicht vergißt.

der schönste Markplatz in Ascoli Piceno, Marken Italien

Auch Ascoli fahren wir noch einmal an. Und wieder kommt dieses Gefühl auf: Das Erdbeben hat auch hier Spuren hinterlassen. Der Marktplatz und die Fassaden glänzen. Aber hinter den Fassaden – wie der des Doms – wird wiederaufgebaut. Die Schönheit lächelt. Die Narbe bleibt.

Die Riviera del Conero: Der schönste Küstenabschnitt der Adria

Die nächsten Tage lassen wir in San Benedetto del Tronto ausklingen. Dann noch ein Ausflug nordwärts, an der Riviera del Conero entlang, jenem Küstenabschnitt südlich von Ancona, den viele als den schönsten der gesamten Adria bezeichnen. Der Monte Conero, 572 Meter hoch und der einzige markante Gebirgszug zwischen Triest und dem Gargano, fällt hier steil ins Meer ab. Weisse Klippen, kristallklares Wasser, versteckte Buchten. Es regnet. Die Ausflugsboote liegen im Hafen. Die Due Sorelle, die zwei weißen Klippen, die nur per Boot erreichbar sind, bleiben uns verborgen. Schade. Aber vielleicht ist auch das ein Grund zurückzukehren.

San Marino: Der krönende Abschluss

Durch den Regen und die immer noch schöne Landschaft fahren wir zum letzten Stopp. San Marino. Genauer gesagt, San Marino im Regen. Wir gehen shoppen, unser übliches Was-brauchen-wir-noch-aus-Italien. Und zum Glück hört dann auf der Regen auf.

Mit der Seilbahn – die man einfach fahren muss – geht es direkt nach San Marino Citta. Das Hotel liegt gleich bei der Station. Auf zur Stadtmauer, zum Hexenweg, und ein Ausblick, der seinesgleichen sucht. Die Tagesgäste werden weniger, die Stimmung im Abendlicht schöner. Der Regierungspalast im letzten Licht, dahinter geht die Sonne unter. Genau das ist der Grund, hier zu übernachten. Am Morgen geniessen wir nach dem Frühstück die leere Altstadt, ein letzter Blick, dann gleiten wir mit der Seilbahn wieder nach unten.

San Marion bei Sonnenuntergang

Schöner könnte ein Abschluss einer Marken-Rundreise nicht sein.

Ciao bella, Le Marche. Es war ein Vergnügen, dich kennenzulernen – das zweite Mal und immer noch das erste Mal.

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