Grado – die Lagunenstadt, die dir ans Herz wächst
Es hätte auch der Gardasee sein können. Oder Rimini. Oder irgendeiner der anderen Orte, die man kennt, weil man sie immer wählt, weil sie bekannt sind oder weil das Risiko überschaubar bleibt. Aber wir haben uns für Grado und der Lagune an der Adria entschieden. Und es war die richtige Entscheidung für unseren Urlaub. Vielleicht sogar eine der besten, die wir je getroffen haben.
Das alte Seebad Grado- wo Kaiserin und Meer sich begegnen
Grado ist kein junger Ort. Schon die Römer gründeten ihn als Seehafen von Aquileia, nannten ihn Ad Aquas Gradatas und machten ihn zur Drehscheibe zwischen Ravenna und dem Norden. Später flohen die Patriarchen von Aquileia vor den Langobarden hierher, Venedig rang Jahrhunderte um die Lagune, und irgendwann entdeckten die Habsburger das kleine Fischerdorf und machten es 1892 auf Geheiß von Kaiser Franz Joseph zur kaiserlich-königlichen Kur- und Badeanstalt. Eine Bahnlinie nach Wien wurde eigens gezogen. Grado war die österreichische Riviera.
Dieser Geschichte sieht man Grado an. Die Jugendstilvillen in der Altstadt, die engen verwinkelten Gassen, der bescheidene Stolz, mit dem die Stadt ihre Vergangenheit trägt, ohne sie zur Schau zu stellen. Grado hat eine wohltuende Seele, ein Herz und viel Leichtigkeit. Du spürt das sofort.

Grados Strände bei Ebbe – eine Breite die man sich verdient
Die Strände von Grado sind nach Süden ausgerichtet, sie geniessen den ganzen Tag lang Sonne. Zehn Kilometer weißer Sand, das Meer in jenem unmöglich schönen Grüntürkis, das man eigentlich nur aus Hochglanzkatalogen kennt. Aber bei Ebbe passiert etwas Besonderes, das Wasser zieht sich zurück, die ein oder andere Sandbank kommt zum Vorschein, die Lagune wird anders. Man steht im Flachen, das Wasser reicht gerade bis zu den Knöcheln, und der Sonnenuntergang färbt das alles in Orange und Rosa und Gold. Ein Aperol Spritz in der Hand. Kein Wort. Einfach stehen und schauen.

Grado ist seit über dreissig Jahren ununterbrochen Träger der Blauen Flagge für Wasserqualität und Strandpflege. Man merkt es. Das Wasser ist klar, der Sand sauber, der Blick aufs Meer ungestort.
Der Vollmond auf der Diga – unheimlich und schön zugleich
Es gibt Momente, die man nicht plant. Die einfach passieren. An einem dieser Abende spazierten wir über die Diga, den langen Wellenbrecher, der sich ins Meer hinausstreckt. Der Vollmond stand hoch und klar. Und das Meer glänzte, ein silbrigens unheimlichen Leuchten, das einen gleichzeitig anzieht und etwas in einem wachrüttelt, das schwer zu benennen ist. Schön und seltsam zugleich. Als bekäme die Nacht eine zweite Bedeutung. Wir haben nicht viel geredet an diesem Abend. Manche Momente brauchen keine Worte.

Isola Barbana & sein Kloster, das aus dem Wasser wächst
Zur Isola Barbana fährt man mit dem Boot, hinaus in die Lagune, durch jene magische Landschaft, die ihre Farbe mit jeder Stunde wechselt. Und dann, irgendwo in der Mitte des Wassers, taucht sie auf: ein Kirchturm, fast fünfzig Meter hoch, weisse Mauern, das Kloster der Benediktiner, seit dem Jahr 582 nach Christus auf dieser Insel. Der Legende nach schwemmte eine Sturmflut, die Grado bedrohte, eine Madonnenstatue hier ans Ufer. An dieser Stelle entstand eine Kirche, als Dank. Und sie steht heute noch.

Du musst das gesehen haben wie dieses Kloster mitten im See zum Vorschein kommt, wie es wirkt, als wäre es aus dem Wasser gewachsen. Man muss sich die Lagune so anschauen, von einem Boot aus, in der Bewegung, um zu verstehen, was Grado eigentlich ist. Nicht nur ein Seebad. Eine eigene Welt.
Auf der Insel gibt es ein Restaurant, und das System ist ein anderes als anderswo, italienisch. Kein normales Bestellen nach Karte, kein gewohnter Ablauf. Wein und Wasser inclusive. Man versteht am Anfang nicht ganz, wie es läuft. Und dann läuft es. Und dann möchte man gar nicht mehr gehen.
Die Bootsfahrt bei Sonnenuntergang – verliebt in alles
Die Rückfahrt von der Isola Barbana bei Sonnenuntergang. Stundenlang hätten wir diese Fahrt geniessen können. Das Boot gleitet durch die Lagune, die Sonne sinkt, das Wasser spiegelt jede Schattierung von Rosa, Orange, Lavendel und Gold zurück, die Natur inszeniert sich selbst, ohne irgendeine Geste für das Publikum. Man sitzt da und fühlte sich wie frisch verliebt. In den Moment. Ineinander. In das Leben. Das klingt groß, aber es war so. Manche Orte machen das mit einem.

Nur die Flamingos waren eine Enttäuschung
Wir hatten uns so auf die Flamingos gefreut. Die Lagune von Grado gilt als eines der besterhaltenen Feuchtgebiete des gesamten Mittelmeerraumes, das Valle Cavanata Naturreservat liegt gleich nebenan, und dort soll man sie sehen können, diese rosaroten, wunderlich schönen Vögel, die scheinbar immer an genau dem Tag nicht da sind, an dem man kommt. Wir haben sie vermisst. Ehrlich und aufrichtig. Aber vielleicht ist das auch ein Grund zurückzukehren.
In der Nähe – Palmanova – die Stadt, die kein Zufall ist
In der Umgebung von Grado steht man plötzlich vor grossen Stadtmauern. Palmanova. Man weiss zuerst nicht, was man sieht. Eine Stadt, die ein Stern ist, neunzackig, von der Republik Venedig im Jahr 1593 als militärische Planstadt gegen die Türken und die Habsburger errichtet, 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Das Strassennetz, die drei monumentalen Tore, der Hauptplatz in seiner überdimensionierten sechseckigen Weite, die elf Statuen der Generalaufseher, die wie Wachposten an den Ausfallstrassen stehen.

Man tritt durch eines der Tore und steht auf der Piazza Grande. Auf dem Platz, wo jemand geehrt wird, oder schon Jahrhunderte lang geehrt wurde, in Stein gemeisselt. Es ist einfach ein Spektakel. Anders. Ehrfürchtig. Man versteht gar nicht sofort, wie jemand eine ganze Stadt auf diese Weise planen, bauen und über Jahrhunderte bewohnen konnte. Und dann versteht man es doch, langsam, weil alles hier einen Zweck hatte und dieser Zweck Schönheit hervorbrachte.
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Triest – die Stadt aus einer anderen Zeit die man unbedingt besuchen muss
Triest überrascht. Der grosse Platz am Meer, die Piazza Unita d’Italia, einer der grössten Plätze Europas, der sich direkt zum Wasser hin öffnet, umrahmt von prächtigem habsburgischen Beton und Geschichte. Und dann, im Hafen, dieses Segelschiff. Gross, majestaetisch, fast unwirklich. Man weiss nicht, warum es da liegt, was es zu bedeuten hat, ob es gerade angekommen oder schon immer dort gewesen ist. Man musste ein bisschen an Zurück in die Zukunft denken, an den DeLorean mit seiner glänzenden Karosse, nur dass dieses Boot hier keine Zeitreisemaschine ist und doch irgendwie so aussieht. Als käme es aus einer anderen Epoche oder einer anderen Zukunft. Es strahlt etwas aus, das sich schwer benennen lässt.

Triest ist eine Stadt der Völker. Österreich-Ungarn, Italien, Slowenien, die Kaffeehauskultur der Hausbrandt und Illy-Rösterei, der Canal Grande, die literarischen Geister von James Joyce und Italo Svevo, die noch durch die Gassen wehen. Man braucht mehr als einen Tag. Man kommt, sieht den grossen Platz, das Segelschiff, trinkt einen Kaffee, und versteht, dass man noch lange nicht fertig ist.
Was Grado bleibt
Wir werden Grado vermissen. Nicht auf die grosse, dramatische Weise, sondern auf die ruhige, dankbare. Das Aufwachen und Wissen, dass das Meer da ist. Die Abende auf der Promenade. Die Lagune und ihr Licht. Die Fahrt zur Isola Barbana. Der Vollmond auf der Diga. Der Sonnenuntergang, der uns stundenlang hätte halten können.
Grado hat eine wohltuende Seele, ein Herz und viel Leichtigkeit. Diese Leichtigkeit ist kein Zufall und kein Marketingversprechen. Sie sitzt in der salzigen Luft, in der Art, wie die Einheimischen den Abend verbringen, in der Stille der Lagune, im Schimmern des Mondes auf dem Wasser. Wir sind froh, dass wir uns für Grado entschieden haben. Und nicht wie früher so oft für den Gardasee.
Was ist dein Sehnsuchtsort? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!
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