Sardinien im Mai – eine Insel, die du fühlen musst um sie zu verstehen
Es gibt Orte, die man mit dem Verstand bereist. Und es gibt Orte, die man mit dem Herzen begreift. Sardinien gehört zur zweiten Art. Wer hierher kommt und nur Strand und Meer erwartet, hat recht. Und liegt trotzdem völlig falsch.
Wir nehmen dich mit auf unsere Reisen im Mai durch den Süden – zu den Traumstränden, Orten mit eigener Seele und auch der schwarzen Seite Sardiniens – im wahrsten Sinne des Wortes.
Eine Insel, die dem Meer misstraut
Sardinien ist anders als alle anderen italischen Inseln. Das spürt man, noch bevor man es erklären konnte. Denn während Sizilien oder Capri sich dem Meer entgegenstrecken, sich öffnet, hält Sardinien Abstand. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Erfahrung. Das Meer war hier über Jahrtausende kein Freund, sondern eine Bedrohung: Phoeizier, Punier, Römer, Araber, Spanier, Piraten – sie alle kamen vom Wasser und alle wollten Sardinien erobern. Wer sich den Angreifern entziehen wollte, zog sich ins Hinterland zurück. Was uns aufgefallen ist, dass bis heute der Mittelpunkt vieler Dörfer und Städte nicht am Wasser, sondern ein Stück entfernt davon. Als hätte man das Meer nie ganz aus den Augen lassen wollen, ohne sich ihm auszuliefern.
Dieser Respekt vor dem Meer ist kein Mythos. Er steckt in der Architektur, in der Stadtplanung, in der Seele der Menschen. Und er macht Sardinien zu etwas Eigenem, Unverwechselbarem, das sich jeder voreiligen Einordnung entzieht.
Wenn die Strände erwachen – Karibikfeeling auf Sardinien
Im Mai sind die Strände noch unberührt. Das Wasser ist bereits unglaublich – dieses Türkis, dieses Blau, dieses glasklare Nichts. Die Strände bereiten sich auf dem Sommer vor. Das angespülte Seegras wird entfernt, die Sonnenschirme werden nach und nach aufgestellt, die Liegestühle geordnet, die Strandkioske werden gewienert und hübsch gemacht um bald ihre ihre Türen zu öffnen. Wir schauen gespannt zu und sind Zeugen wie die Insel aus ihrem Winterschlaf erwacht. Und genau das hat etwas zutiefst Stilles, Schönes, fast Heiliges. Kein Gedränge, kein Lärm, keine bunten Handtücher im Sand. Nur das Meer, wie es immer war, bevor die Touristen kamen und nachdem sie gegangen sind.

Carloforte – als wäre man in Ligurien gestrandet
Die Fährfahrt von Calasetta ist kurz. Aber die Überfahrt fühlt sich an wie eine Zeitreise, als bleibt die Zeit stehen. Carloforte, die einzige Stadt auf der Insel San Pietro, liegt vor einem wie ein Traum aus einer anderen Welt, als wäre man plötzlich in Ligurien gelandet, irgendwo zwischen Genua und dem Meer. Das bilden wir uns nicht ein, es liegt an der Geschichte.
1738 liessen sich ligurische Fischerfamilien hier nieder, die Nachkommen jener Korallentaucher, die im 16. Jahrhundert zunächst auf die tunesische Insel Tabarka gezogen waren. Sie brachten ihre Sprache mit, das Tabarchino, einen genuesischen Dialekt der bis heute gesprochen wird. Sie brachten ihre Architektur mit, ihre Küche und ihre Seele.

Carloforte ist heute einer der schönsten Orte Italiens, offizielle Mitglied in der Vereinigung der Borghi piu Belli d’Italia , und man versteht sofort warum. Die pastellfarbenen Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen, die engen Gassen, der kleine Hafen. Und am Abend das eigentliche Leben. Kinder spielen um die Kirche. Jugendliche treffen sich in den Bars auf einen Aperitivo und Tapas. Die letzten Sonnenstrahlen streichen über die Insel. Man sitzt da und möchte nirgendwohin. Carloforte beherrschte die Kunst den Abend zu verzaubern wie kaum ein anderer Ort.
Sant’Antioco – die Fischer und ihre Fahnen
Die Insel Sant’Antioco ist durch einen uralten Damm mit dem sardischen Festland verbunden, den schon die Phönizier legten und die Römer ausbauten wie man heute immer noch sehen kann. Wer hindurchfährt, reist in eine andere Zeit. Am Morgen verkaufen die Fischer ihren Fang direkt vom Boot. Wir sehen, wie ein einfacher Austausch zwischen Mensch und Meer, zwischen Arbeit und Alltag, auf eine Art stattfindet, die anderswo längst verschwunden ist.
In der Hauptstrasse bewegen sich bunte Fähnchen im Wind. Es ist ein Bild, das sich ins Gedächtnis brennt, diese kleinen, leuchtenden Winker zwischen den Häusern, das Flattern, das Weben, das leise Erzählen von einer Lebensart, die sich nicht inszeniert, weil sie keine Zuschauer braucht.

Calasetta – die Zeit, die stehen blieb
Weiss und Blau. Das ist Calasetta. Kalkweiss die Häuser, blau die Türen und Fenster, kubistisch der Grundriss, geradezu geometrisch streng, wie vom Reissbrett gezogen – was es tatsächlich ist. Der piemontesische Ingenieur Pietro Belly legte 1770 diesen Ort im Schachbrettmuster an, als 38 ligurische Familien von Tabarka hier eine neue Heimat suchten. Auch Calasetta ist eine Schwesternstadt Carlofortes, dieselbe Geschichte, dieselben Wurzeln, dieselbe tabarkische Seele.
Und doch ist in Calasetta alles noch ein Stück stiller. Als hätte die Zeit beschlossen, hier einfach einen Moment innezuhalten. Die Einwohner scheinen sich vor der Zeit zu verstecken, schrieb jemand einmal, vielleicht aber auch nur vor den Touristen. Man schlendert durch die weissen Gassen, schaut auf das Meer zwischen den Häuserecken, und denkt: Hier möchte ich bleiben. Einfach so.

Cagliari – Lebendigkeit ohne Überheblichkeit
Cagliari thront über dem Meer. Das ist nicht so dahin gesagt, das ist eine Tatsache. Die Hauptstadt Sardiniens liegt auf einem Hügel, blickt hinunter aufs Meer, und hat dabei diese besondere sardische Haltung, diese Würde ohne Eitelkeit. Das historische Castello-Viertel mit seinen verwitterten Fassaden und engen Gassen erzählt Jahrtausende, Phöizier, Römer, Spanier, Piemonteser und alle haben Spuren hinterlassen.
Die Bastione di Saint Remy, Ende des 19. Jahrhunderts auf den Grundmauern der alten spanischen Festungsanlagen erbaut, erinnert in ihrer Weite und Aussicht an grosse europäische Terrassen, blickt hinunter auf Cagliari, den Golf der Engel, das Meer. Aber das Wahre der Stadt findet nicht oben statt, sondern etwas weiter unten, auf der Piazza Yenne. Dort treffen sich die Sarden am Abend, mit einer Ungeziertheit und Natürlichkeit, die man selten erlebt. Kein Posieren, kein Zur-Schau-Stellen. Man lacht, trinkt, isst, redet. Man ist. Cagliari ist lebendig, ohne überlaufen zu sein. Und das, im Mai, ist ein Geschenk.

Die Schlucht östlich von Cagliari: Stille, die betäubt
Diese Stille muss es erlebt haben. Die Fahrt durch die Schlucht östlich von Cagliari, diese fast schon einsame Strasse, die sich in die Felsen schmiegt und kilometerlang nichts bietet ausser sich selbst und Felsformationen. Keine Siedlung, kein Schild, kein Hinweis auf eine andere Welt. Nicht einmal einen Namen. Nur Stein, Macchia und das sachte Rauschen des Windes. Es ist eine dieser Erfahrungen, die man nicht fotografieren kann, weil kein Bild die Stille einfängt. Es hat uns schlichterweg umgehauen.
Das war nicht Sardinien wie aus dem Reisekatalog. Das war das echte Sardinien – unberührt, kompromisslos, atemberaubend. Dieses Hinterland ist kein Anhang der Insel. Es ist ihr Kern. Wer es auslässt, hat Sardinien nicht gesehen.
Die alte Kohlemine von Sulcis – wo der Wohlstand seine Wunden hinterliess
Im Sulcis, wenige Kilometer von den Traumstränden entfernt, liegt ein anderes Sardinien. Die Stadt Carbonia wurde 1938 in weniger als einem Jahr auf dem Reissbrett entworfen und gebaut, als Mussolini die sardische Kohle zur Energieressource Italiens erklärte. Um das Grossbergwerk Serbariu herum entstand eine Planstadt für Bergarbeiter aus ganz Italien, 16.000 Menschen wohnten zunächst hier, auf dem Höhepunkt des Booms bis zu 60.000.
1964 schlossen die Gruben. Was blieb, ist das Kohlemuseum, neun Schachte, hundert Kilometer Stollen bis zu 179 Meter Tiefe. Heute kann man in einem kleinen Teil hinabsteigen, durch die Gänge gehen, die Grubenlampen sehen, die Werkzeuge anfassen, die Gesichter der Bergleute in alten Fotografien betrachten. Es ist kein Museum des Triumphes. Es ist ein Museum der menschlichen Anstrengung, der Hoffnung, des Schmerzes. Man versteht, wie der Bergbau diese Region geprägt hat. Wie wichtig die Kohle war. Und was sie mit den Menschen gemacht hat. Die schwarze Seite Sardiniens.

Sardinien hat in der Geschichte vieles erleiden müssen, das Bergbauschicksal ist eines seiner tiefsten Kapitel. Und es hat der Insel, neben Ruinen und Narben, auch dieses hinterlassen – das Bewusstsein, dass Schönheit und Schwere niemals weit voneinander entfernt sind.
Unsere Erfahrungen & warum Mai?
Man muss kein Experte sein, um zu verstehen, warum der Mai auf Sardinien etwas Besonderes ist. Die Insel gehört noch sich selbst. Die Temperaturen sind angenehm, das Meer schon fast warm genug, die Strände leer. Die Einheimischen leben ihr echtes Leben, nicht das Leben, das Touristen zeigen soll, wie Einheimische leben. Man kommt an, man atmet durch, wir lassen uns treiben. Und irgendwann, an einem Abend auf der Piazza Yenne, oder bei einem Kaffee in Carloforte, oder schweigend in der Schlucht , begreift man, Sardinien ist kein Reiseziel. Es ist eine Erfahrung.
Kennst du den Süden von Sardinien? Verrate uns deinen Lieblingsort in den Kommentaren!
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